Montag, Oktober 15, 2007

Schönes Ding: Hagenbeck baut Kolonial-Hotel

Die Hagenbeck-Dynastie hat ja so einige schöne Dinge nach Hamburg gebracht (Beispiel) und nun wird diese Tradition auf besonders geschmackvolle Weise fortgesetzt:
Das Hamburger Abendblatt meldet 11.10.2007 unter der Überschrift "Hagenbeck-Hotel im Kolonialstil":
"... 2009 soll die Eröffnung des 159-Zimmer-Hauses gefeiert werden. Das Lindner-Park-Hotel Hagenbeck... soll das 'erste Tierpark-Themen-Hotel der Welt' werden. So wird das Haus, das nur wenige Meter vom Hagenbeck-Haupteingang entfernt liegt, im Kolonialstil gestaltet. Die Stockwerke sollen mit Materialauswahl und Inneneinrichtung die Kontinente Afrika, Asien und Südamerika widerspiegeln. ..." Familien und Geschäftsreisende fänden dabei ein "außergewöhnliches Ambiente in Stadtnähe", so das Abendblatt.

www.abendblatt.de/daten/2007/10/11/803417.html

Der Hamburger Impresario Carl Hagenbeck gilt als der Erfinder der 'Völkerschauen', die er im großen Stil weltweit veranstaltete und die Menschen aus 'fremden' Kulturen in entwürdigender Weise in Tierparks und (Welt)Ausstellungen vor Pappmaché-Kulisse zur Schau stellten. Die Zoo-Besucher imaginierten sich in exotische Welten hinein, die mit dem Alltag der Darsteller nichts zu tun hatten. "Dass ganze Völker in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerieten, ist eng verbunden mit der Ausbreitung des Kolonialismus. ... Völkerschauen haben wohl nicht unwesentlich zu einer Verfestigung rassistischer Haltungen beigetragen." Zitat aus wikipedia -> mehr Wie hochsensibel das Thema bis heute ist, zeigt eine neuliche kontroverse Debatte: 2005 sah sich die Direktorin des Augsburger Zoos mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert, als dort die Afrika-Schau 'African Village' präsentiert wurde. -> mehr u.a.: www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/682/54628

In diesem Jahr feiert der Tierpark in Hamburg-Stellingen sein 100jähriges Jubiläum. Bisher blieb kritischen Forschern das Hagenbeck-Archiv verschlossen. Noch heute werden im Zoo sog. 'Dschungelnächte' präsentiert unter Einsatz von Mensch und Tier mit "tropischen Klängen, Shows und Exotik". Der Neubau eines Hagenbeck-Hotels im Kolonialstil scheint in fragwürdig ungebrochener Tradition zu stehen.

Der 'Kolonialstil' hat auch anderweitig Hochkonjunktur: ob in zahlreichen Möbelgeschäften oder in der schicken Compagnie Coloniale in Hamburgs City.

[via afrika-hamburg, mit Dank an Romao für den Hinweis]

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Da liegt ein Mißverständnis seitens Zeitung und Autor vor: Es handelt sich nicht um eine Hotel im Kolonial-Stil, sondern um ein Haus dessen sechs Etagen sich auf die weltberühmten Panoramen der Parkarchitektur des Tierparks beziehen. Eine Etage wird demnach das Eismeer wieder spiegeln, eine andere das Afrika-Panorama usw..

Die Tierpark-Panoramen sind die große planerische Leistung von Carl Hagenbeck. Hintereinander geschaltete Freigehege - ohne sichtbare Grenzen - erzeugen beim Betrachter die Anmutung mitten vor einer von unterschiedlichsten Tieren besetzten Landschaft zu stehen. Diese Art der Tier-Präsentation haben die meisten Zoos heute übernommen. Hagenbeck hat sie 1907 erfunden.

Sicher waren die Völkerschauen aus unserer heutigen Sicht ein großer Fehler. Damals stellten sie allerdings für eine großen Teil der Bevölkerung die einzige Möglickeit da, etwas über andere Völker und Länder zu erfahren. Nur die Oberschicht konnte sich das Reisen leisten. Fernsehen und Radio waren noch nicht erfunden. Diesen Kontext sollte ein "kritischer" Forscher auch anführen.

Dschungelnächte und diese Schauen kann man nicht vergleichen, denn sie haben nichts mit einander zu tun. Die Dschungelnächte sind so etwas wie das Hannoversche´"Kleinen Fest im Großen Park" für Hamburg. Bei den dreimal im Jahr stattfindenen Dschungelnächten sorgen Akrobaten, Clowns und die Nachtgeräusche der Tiere für eine einmalige Athmosphäre in der schönen weitläufigen Parkanlage.

Victoria B. Robinson hat gesagt…

Ist ja nett, dass wir hier auch mit dem PR-Text versorgt werden. Danke, danke, ändert aber nichts an den Tatsachen.
Die Familie Hagenbeck täte gut daran, sich ihrer historischen Verantwortung (und Schuld) zu stellen!