Montag, März 19, 2007

Fokus auf Eishockey

Dass sich Rassismus gerne im Stadion zeigt, wo man(n) aus sicherer Entfernung, umgeben von seiner Horde, gerne Dinge schreit (oder wirft), mit denen man - hoffentlich - an anderer Stelle und ohne das vermeintlich entschuldigende Zusammenspiel von Alkohol, Männlichkeit und Erregung über das Spiel, nicht ganz so unbeschadet durchkommen würde, ist beim Fußball mittlerweile aufgefallen. Doch auch aus der Eishockey-Bundesliga gibt es immer wieder sehr unerfreuliche Meldungen.

So gab es einige Aufregung beim Wechsel des neuen Cheftrainers der Hamburg Freezers, der in seinem vorherigen Team deren "Mentalcoach" als "fucking N*****" bezeichnet hat. In den Hamburger Medien (Abendblatt, Hamburg 1) gab es eine kurze Empörung, dann wurde ganz schnell zurückgerudert, Stewart sei natürlich kein Rassist und auch bei den Freezers betrachtete man diesen Ausspruch als "einmalige Entgleisung", obwohl es auch heißt: "Man hört viel über seine Eskapaden, aber als Fachmann ist er unumstritten." (ebenfalls Abendblatt) . Viele Eskapaden und eine einmalige Entgleisung. Naja, interessante Schizophrenie in der Berichterstattung. Doch schon in der Einleitung dieses Artikels wird der Vorfall relativiert:

"Es war ein Satz, ausgesprochen im Wirbel der Emotionen, der ein Thema aufwarf, das in der Deutschen Eishockey-Liga bislang keine Rolle gespielt hatte. "Go home fucking n*****" soll der neue Freezers-Cheftrainer Bill Stewart in seinem letzten Spiel als Coach der Black Wings Linz zum farbigen Mentalcoach Chris Hamilton von den Vienna Capitals gesagt haben."

Also nur ein Satz und der war auch noch ausgesprochen im Wirbel der Emotionen. Na dann ist ja alles gut...
Sogar das Opfer wurde schließlich zur Rehabilitation Stewarts herangezogen: "Bill ist kein Rassist, wir sind Freunde. Er hat das in der Emotion gesagt. Das entschuldigt zwar die Aussage an sich nicht, aber ich weiß, wie es gemeint war und verzeihe ihm", sagte er. (Abendblatt)

Das Ende vom Lied in diesem Fall:
  • "Rechtliche Konsequenzen, so viel scheint mittlerweile klar, dürften dem Coach nicht blühen. Auch der Linzer Vereinspräsident Wilfrid Wetzl wird von einer Anzeige wegen rassistischer Beleidigung absehen." (1)
  • "So dürfte außer dem Makel der moralischen Verfehlung nichts haften bleiben." (1)
  • "Wir tolerieren Rassismus in keiner Form, wollen aber Bills Vergangenheit nicht beurteilen, weil wir nicht alle Umstände kennen. Wenn er sich so etwas bei uns leistet, gibt es Konsequenzen, aber wir betrachten es als einmalige Entgleisung", sagte er, und kündigte eine besondere Beobachtung für den neuen Coach an. So dürfte außer dem Makel der moralischen Verfehlung nichts haften bleiben." (2)
Damit war die Sache erledigt und wurde nicht weiter thematisiert. Doch heute Morgen die nächste Meldung von den Freezers. Ähnliche Worte, ähnliche mediale Deeskalation und schon wieder kommen die rassistischen Verfehlungen nicht von Fans (zumindest wird darüber nicht berichtet), sondern vom Team:
"Vor der Partie soll Hamburgs Stürmer Marc Beaucage den dunkelhäutigen DEG-Verteidiger Jean-Luc Grand-Pierre mit den Worten "fucking n*****" beleidigt haben." (3)
Wie die Rheinische Post berichtet, gab es keine Entschuldigung oder Kommentierung in irgend einer Form:
"Auf unser Angebot, dass die Sache für uns mit einer persönlichen Entschuldigung aus der Welt ist, wurde nicht eingegangen”, sagte Metro Stars-Manager Lance Nethery nach dem Spiel vor der Umkleide."
Gleichzeitig stellt das Abendblatt vorsorglich schon mal in Frage, ob die Vorwürfe stimmen oder nicht (in manchen Fällen gilt eben auch bei Springer-Publikationen: im Zweifel für den Angeklagten): "Wenn die Anschuldigungen - ob berechtigt oder nicht - eines beweisen..."
Ob es nach dem Spiel, das passenderweise in der "Color Line Arena" stattfand, Konsequenzen geben wird, bleibt abzuwarten, ist aber unwahrscheinlich.

Nachtrag


Auch die Financial Times Deutschland hat über das Spiel berichtet, sich dabei allerdings etwas weniger in der Wortwahl vergriffen. Dabei hat man sich (wie n-tv, Eurosport, Zeit Online, newsclick) auf eine dpa-Meldung bezogen. Hierbei wurde der rassistische Schmähruf nicht mit abgedruckt (was für alle Schwarzen Leser eine nochmalige Beleidigung darstellen kann), es wurde erwähnt, dass es für den Ausspruch Zeugen gibt und - was das eigentliche Highlight ist - der Adressat der Beleidigung ist hier nicht "farbig" oder "dunkelhäutig" wie im Abendblatt, sondern "afroamerikanisch". Vielen Dank, so einfach kann das sein...

Nachtrag 2 - 21.03.2007

Was der Trainer desjenigen sagt, der seiner Aussage nach rassistisch beleidigt wurde, steht in der SportBild:
"So etwas sehe ich natürlich nicht gerne, aber ich halte mich daraus und konzentriere mich voll auf das Spiel."
Ja genau, der fucking N***** soll sich mal nicht so anstellen, es geht jetzt um den Sport! Unglaublich, so viel Unterstützung aus dem eigenen Team! Und mal wieder ein Beispiel dafür, dass Rassismus relativiert und tabuisiert wird. Schön, dass Wegsehen zumindest dem Trainer hilft!

Kommentare:

sharon hat gesagt…

hi victoria,

ich lese dein blog und finde es super. bin immer wieder traurig das es so wenig kommentare gibt - na ja, jetzt bin ich wohl an der reihe!

zitat:"Bill ist kein Rassist, wir sind Freunde. Er hat das in der Emotion gesagt. Das entschuldigt zwar die Aussage an sich nicht, aber ich weiß, wie es gemeint war und verzeihe ihm"

huh??? wie war die aussage denn gemeint?

was ist denn ein rassist, wenn nicht schon jemand, der rassistische beleidigungen verwendet?

(oder ist das wort inszwischen nicht rassistisch?)

komisch....

Victoria B. Robinson hat gesagt…

Danke Sharon!
Finde es auch etwas schade, dass sich trotz stetig steigender Leserzahlen so wenige hier äußern.
Es ist aber so oder so schön zu hören, dass es regelmäßige Leser gibt!

Liebe Grüße

Victoria