Donnerstag, August 02, 2007

taz über Rassismus und Sexismus im deutschen Rap-Game

Ausschnitte eines Artikels von Murat Güngör, der heute in der taz erschienen ist - N-Worte wurden natürlich von mir entfernt:
Ganz verliebt ins Ghetto-Klischee

(...)

Ice-T wusste: Es ist vor allem der weiße, pubertäre Junge aus kleinbürgerlichen bis bürgerlichen Verhältnissen, der ihn in die Charts bringt. Diese Logik herrscht auch in Deutschland. Entscheidend für den kommerziellen Erfolg der Gangsta-Rapper ist der Blick der bürgerlichen Mitte auf das Ghetto. Es ist die Faszination, aus der sicheren Distanz heraus den Kampf im Dschungel der Straße zu konsumieren und damit gleichzeitig gegenüber dem eigenen Elternhaus rebellieren zu können. Gangsta-Rap dient dabei als pubertäre Vorlage zur Provokation gegen die bürgerlichen Normvorstellungen der Eltern. Um als Gangsta-Rapper sichtbar zu werden, müssen Stereotype wie "kriminelle Vergangenheit", "Omnipotenz" und "Gewalt" aufgerufen werden. Diese ästhetischen Codes sind aber häufig rassistisch und sexistisch gefärbt.

(...)

Das hauptstädtische Hiphop-Label Aggro Berlin hat sich auf die Vermarktung dieses Stereotyps spezialisiert. Die hauseigenen Rapper des Labels werden präzise auf die Marktlogik zugeschnitten. Rassistische, nationalistische und sexistische Images dienen dem Label beim Produktaufbau. In der Rap-Szene wird dies als gelungener Marketingcoup gewürdigt. Doch was als vermeintlicher Tabubruch daherkommt, ist nichts anderes als die Reproduktion rückständiger und reaktionärer Bilder über das vermeintliche Migranten-Ghetto. Die Rapper sind dabei Täter und zugleich Opfer dieser Bilder: Ihren Erfolg verdanken sie der Wirkungsmacht rassistischer Stereotype über den krassen Jungen aus dem Ghetto. Allerdings sind sie auch nur vor diesem Hintergrund denkbar.

(...)

Exemplarisch lässt sich diese Entwicklung in Deutschland an den beiden Rappern B-Tight und Massiv verdeutlichen. B-Tight, der eine afrodeutsche Herkunft aufweist, wird von seinem Label Aggro Berlin als krasser "N****" und großer Ficker vermarktet. Seine Ästhetik erinnert dabei stark an die Minstrel-Shows aus den Zeiten der Rassentrennung in den USA: Damals malte sich der weiße Komiker Thomas D. Rice schwarz an, um einem weißen Publikum den "N****" als fröhlichen, singenden und dummen Sklaven vorzuführen. Diese Shows waren erfolgreich, und auch Schwarze spielten diese demütigenden Figuren nach, um Geld zu verdienen. Nun malt sich B-Tight auf seinen Plattencovern schwarz an, um seine Inszenierung als notgeiler, sexbesessener und fröhlicher Partyrocker zu unterstreichen. B-Tight bedient das rassistische Klischee vom Schwarzen, der nur seinem Trieb folgt und mit einem extragroßen Schwanz ausgestattet ist.

(...)

Beide Rapper brechen keine Tabus, sondern bedienen vielmehr eine rassistische Wahrnehmung, in der schon im Voraus festgelegt ist, wie der "N****" oder der "Kanake" zu sein hat. Es sind rückständige Bilder, die ungebrochen in die Unterhaltungsindustrie eingespeist werden. Die Frage ist nur: Was macht dies mit dem pubertären Jungen aus der Mittelschicht, der sie konsumiert? Untersuchungen hierzu fehlen. Es darf aber vermutet werden, dass rassistische und sexistische Stereotype dadurch verfestigt werden.

(...)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Sehr guter Artikel!! Da bin ich gespannt was Aggro Berlin und Bravo dazu zu sagen haben. Der Artikel bringt die derzeitige Situatiuon extrem gut auf den Punkt!

Anonym hat gesagt…

Guter Artikel!

IMpressum hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Anonym hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.